INTERVIEW MIT DR. LISA GREEN
Psychologie für eine langfristige Gesundheit: Wie Veränderung wirklich gelingt
In einem früheren Interview haben wir mit Dr. Lisa Green über ihren Weg in der klinischen Psychologie, der Psychoonkologie sowie der systemischen Familientherapie gesprochen, genauso wie über ihre Arbeit bei Buchinger Wilhelmi seit mehr als einem Jahrzehnt. Dabei ging es auch um die Frage, warum Fasten oft ein besonders guter Moment ist, um innezuhalten und den Blick nach innen zu richten.
An diese Gedanken knüpft unser erneutes Gespräch an. Gerade zum Jahresbeginn, wenn viele Menschen sich neu ausrichten möchten, sprechen wir darüber, wie Gewohnheiten entstehen und warum Veränderung im Alltag so anspruchsvoll ist. Dr. Green erklärt, wie Psychotherapie nachhaltige Schritte unterstützt und welche einfachen Ansatzpunkte helfen können, das eigene Verhalten langfristig gesünder auszurichten – zu Hause ebenso wie während eines Aufenthalts in unserer Klinik.
Seit unserem letzten Gespräch: Was ist heute aus Ihrer Sicht am wichtigsten an der Rolle der Psychotherapie im Buchinger Wilhelmi Fastenprogramm?
Am wichtigsten ist für mich, das Verständnis für die Verbindung von Körper und Geist zu stärken. Historisch wurden Medizin und Psychologie oft als getrennte Disziplinen behandelt. Diese Trennung ist allerdings sehr künstlich. In vielen traditionellen Medizinsystemen wie Ayurveda oder der Traditionellen Chinesischen Medizin wurde die Verbindung von Körper und Geist nie in derselben Weise getrennt.
Meine Aufgabe ist es, Gästen dabei zu helfen, diese beiden Ebenen wieder zusammenzuführen. Und das nicht nur gedanklich, sondern so, dass es in der Praxis spürbar und umsetzbar wird.

Viele unserer Gäste kommen mit einem stark körperlichen Fokus, häufig verbunden mit Gewicht, Stoffwechselwerten oder dem Wunsch, Beschwerden auf natürlichem Weg zu begleiten. Das können nachvollziehbare Motive sein, doch Fasten ist weit mehr als eine rein körperliche Intervention. Nachhaltige Veränderung reicht tiefer.
Unsere psychologische Begleitung unterstützt die Gäste dabei zu verstehen, dass Stress, Anspannung und viele Symptome nicht zufällig auftreten – sie sind Hinweise. Körper und Psyche senden damit oft die Botschaft: Etwas möchte sich verändern. Genau hier werden Psychotherapie und Coaching relevant – nicht als optionales Extra, sondern als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes.
Unsere psychologische Begleitung unterstützt die Gäste dabei zu verstehen, dass Stress, Anspannung und viele Symptome nicht zufällig auftreten – sie sind Hinweise. Körper und Psyche senden damit oft die Botschaft: Etwas möchte sich verändern. Genau hier werden Psychotherapie und Coaching relevant – nicht als optionales Extra, sondern als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes.
Viele Gäste kommen mit einem starken Wunsch nach Veränderung. Welche psychologischen Muster begegnen Ihnen am häufigsten zu Beginn eines Fastenaufenthalts?
Menschen kommen oft mit einem klaren, äußeren Ziel – wie etwa dem Wunsch von Gewichtsabnahme oder die Verbesserung bestimmter Gesundheitsmarker. Sehr schnell wird jedoch deutlich, dass nachhaltige Veränderung nicht nur eine Frage des Verhaltens ist, sondern im Inneren beginnt.
Ein Muster, das ich häufig sehe, ist ein Leben nach verinnerlichten Erwartungen. Vorstellungen darüber, wie man leben, leisten oder die Bedürfnisse anderer erfüllen sollte. Diese Überzeugungen entstehen oft aus Familie, Kultur oder lang gelebten Rollen und wirken dabei nicht selten bis ins höhere Alter hinein.
Diese innere Unstimmigkeit erzeugt anhaltenden Druck, der sich körperlich in Form von Anspannung, Stress oder Symptomen zeigen kann. Viele Gäste werden sich dessen erst bewusst, wenn sie an einen Punkt von Erschöpfung oder Unzufriedenheit gelangen. Wenn Werte, Bedürfnisse und Alltag besser zusammenpassen, verbessert sich häufig sowohl das psychische als auch das körperliche Gleichgewicht.
Warum fällt es vielen Menschen so schwer, Gewohnheiten im Alltag zu verändern?
Gewohnheitsänderung ist schwierig, weil unser Verhalten durch die Systeme, in denen wir leben, geprägt und aufrechterhalten wird. Wir sind nicht nur Individuen, die isolierte Entscheidungen treffen. Wir sind eingebettet in Systeme. Dazu zählen unser inneres psychisches System, Familie, Arbeit, soziale Kreise und die Kultur im Allgemeinen. Gewohnheiten entstehen häufig als Anpassungsreaktionen an diese Systeme. Viele Auslöser für Gewohnheiten ergeben sich aus einer Kombination von Umgebung und emotionalem Zustand. Ein Glas Wein am Abend kann zum Beispiel nicht nur mit Routine zu tun haben, sondern auch damit, wie ein langer Arbeitstag emotional erlebt wird.

Willenskraft kann Veränderung anstoßen, aber sie trägt sie selten allein. Ich erkläre das häufig mit zwei Systemen. Das eine ist rational und zielorientiert. Das andere ist emotional gesteuert und lustorientiert. Der rationale Teil kann entscheiden: Keine Schokolade mehr, kein Wein mehr – das klingt vernünftig. Wenn das emotionale System jedoch Schokolade mit Belohnung, Trost oder Erleichterung verbindet, verlässt man sich auf reine Selbstdisziplin. Und Selbstdisziplin kostet Energie. Doch Energie ist irgendwann aufgebraucht.
Dauerhafte Veränderung entsteht meist dann, wenn Motivation intrinsisch wird. Wenn das Ziel nicht nur mit dem übereinstimmt, was wir glauben, tun zu sollen, sondern mit dem, was wir wirklich wollen. Fehlt diese Übereinstimmung, „verlässt“ das emotionale System irgendwann die Partie und das alte Muster kehrt zurück.
Was macht einen Fastenaufenthalt zu einem besonders günstigen Moment, um alte Routinen zu unterbrechen und Neues auszuprobieren?
Ein wesentlicher Faktor ist, dass Gäste sich aus der Umgebung herausnehmen, welche die Gewohnheit normalerweise stabil hält. Sie sind nicht bei der Arbeit, nicht in denselben Routinen, und sie befinden sich in einem Kontext, der Veränderung unterstützt. Viele sagen: Fasten ist hier leicht – zu Hause könnte ich das nie. Das liegt daran, dass die Umgebung eine andere ist.
Der zweite Faktor ist, dass viele gewohnte Bewältigungsstrategien wegfallen. Menschen nutzen Essen, Alkohol oder ständige Beschäftigung nicht in derselben Weise. Die Klinik schafft einen ruhigen Raum, mit weniger „Lärm“. Dadurch fällt es leichter, wahrzunehmen, was innerlich passiert.
Und der dritte Faktor ist die Bereitschaft. Menschen kommen freiwillig. Häufig haben sie dabei den echten Wunsch nach Veränderung. Diese Kombination aus Distanz zum Alltagssystem, dem Wegfall von „Krücken“ und einem unterstützenden Rahmen öffnet ein kraftvolles Zeitfenster.
Welche Rolle spielt Psychotherapie, wenn während des Fastens Emotionen oder innerer Widerstand auftreten?
Während des Fastens werden viele Menschen ihrer emotionalen Zustände bewusster – auch deshalb, weil alltägliche Ablenkungen und Kompensationen abnehmen. Wenn es außen ruhiger wird, lassen sich innere Signale leichter wahrnehmen.
Psychotherapie hilft Gästen zu lernen, was ihre emotionalen Reaktionen bedeuten. Das emotional gesteuerte System kommuniziert über den Körper und über Gefühle. Viele Menschen sind nicht darin geschult, diesen Signalen Aufmerksamkeit zu schenken oder sie zu deuten.
Wenn Gäste beginnen zu erkennen, was Emotionen über unerfüllte Bedürfnisse ausdrücken, lässt sich Widerstand als sinnvolle Information verstehen – nicht als Problem, das man „überwinden“ muss. So werden Antworten möglich, die langfristige Gesundheitsziele stärken, statt kurzfristige Erleichterung zu suchen.
Wie fügt sich Ihre Arbeit in die medizinische Betreuung, das Fasten und die körperlichen Therapien ein, um ganzheitliche Ergebnisse zu unterstützen?
Die Integration ist sehr natürlich, weil Emotionen sich oft im Körper zeigen. Was emotional fehlt, kann sich körperlich „festsetzen“, ob in Form von Spannung, Schmerz oder Symptom. Der Körper sagt im Grunde: Da fehlt etwas – schau hin.
Genau deshalb passen körperorientierte Therapien und Psychologie hier so gut zusammen. Körperliche Anwendungen können Spannungen lösen und diese Lösung kann wiederum Emotionen ins Bewusstsein bringen. So sagen beispielsweise Gäste nach einer Massage manchmal: Ich wusste gar nicht, dass ich wütend bin. Oder: Ich musste plötzlich weinen. Und das gibt uns wiederum etwas, das wir gemeinsam anschauen können. Es hilft, Symptome mit zugrunde liegenden Gedanken, Überzeugungen und Bedürfnissen zu verbinden.

Psychische Gesundheit umfasst zudem mehr als Emotionen. Dazu gehört auch soziale Gesundheit und das, was ich manchmal spirituelle Gesundheit nenne: Ein Sinn- und Zweckgefühl. Wenn es in emotionalen, sozialen oder sinnbezogenen Bereichen ein deutliches Ungleichgewicht gibt, wirkt sich das auf die körperliche Gesundheit aus. Wenn diese Dimensionen übergangen werden, wird nachhaltige Veränderung sehr schwierig.
Was hilft dabei, dass Erkenntnisse aus dem Fasten in Veränderungen übergehen, die zu Hause realistisch bleiben?
Das ist oft der schwierigste Teil. Viele Gäste gewinnen hier Einsichten, weil sie Abstand bekommen und ihr Leben klarer sehen können. Doch eine große Erkenntnis in kleine Schritte zu übersetzen, braucht sorgfältige Arbeit.
Ein Ansatz ist, Gästen zu helfen, eine Vogelperspektive auf ihr Leben einzunehmen. Zum Beispiel mit systemischen Tools, durch die wir das Unsichtbare sichtbar machen. Dann erkunden wir mit dem Gast zusammen, wie Balance aussehen und wie sie sich anfühlen würde. Von diesem Standpunkt aus fragen wir uns: Wie übersetzen wir das in etwas Konkretes?
Entscheidend ist: Veränderungen müssen klein, spezifisch und leicht sein. Abstrakte Ziele wie „weniger essen“ sind nicht klar genug. Viele wollen alles auf einmal verändern und das scheitert meist.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Identität. Dabei sollte sich gefragt werden: Wer ist diese neue Person, die ich werde und wie lebt sie im Alltag? Was isst sie zum Frühstück, was macht sie mittags, wie gestaltet sie Wochenenden, mit wem verbringt sie Zeit? Situative Faktoren sind wichtig. Wenn alle Freunde jedes Wochenende stark trinken, wird es sehr schwer, ein anderes Muster zu halten, ohne den Kontext zu verändern.
Alte Verhaltensweisen brauchen in dem Moment eine Alternative. Wenn zu Hause ein Stressauslöser kommt, braucht es eine konkrete Ersatzhandlung. Beispielsweise Tee, ein Spaziergang, Schwimmen, Sauna, ein Gespräch – etwas, das die alte Reaktion ersetzt, während sich neue Muster aufbauen.
Wie beeinflusst Fasten aus Ihrer Erfahrung das Gefühl von Selbstwirksamkeit und das Vertrauen in die eigene Veränderungsfähigkeit?
Selbstwirksamkeit ist alles. Es ist die Erfahrung. Ich sitze am Steuer meines eigenen Busses. Ich kann wählen. Wenn Menschen sich als Gestalter ihrer Gesundheit erleben, fühlen sie sich auch eher fähig zur Veränderung.
Dazu gehört, zu lernen, dass man wählen kann. Nicht Perfektion, sondern Wahl. Manchmal wählt man das neue Verhalten und manchmal entscheidet man sich bewusst dagegen, ohne das Gefühl der Selbstbestimmung zu verlieren. Das hilft, aus dem Schuld- und Schamkreislauf herauszukommen. Und es hilft, Rückschläge zu normalisieren. Niemand ist immer perfekt.

Wenn man „vom Wagen fällt“, steht man wieder auf, klopft den Staub ab und geht weiter. Lernen ist Wiederholung. Ein Kind lernt nicht an einem Tag laufen. Es versucht es immer wieder. Neue Gewohnheiten bedeuten, neue neuronale Wege zu bauen. Und das braucht Wiederholung, Geduld und Freundlichkeit sich selbst gegenüber.
Gibt es zu Jahresbeginn typische psychologische Stolperfallen oder Erwartungen, auf die man achten sollte?
Eine häufige Stolperfalle sind Ziele, die nur auf Einschränkung und Willenskraft beruhen, statt auf intrinsischer Motivation. Wenn das emotionale System nur Verlust erlebt, nicht Gewinn, wird es Widerstand leisten.
Eine weitere Stolperfalle ist, alles auf einmal verändern zu wollen oder Ziele zu abstrakt zu formulieren. Veränderung muss konkret und gut handhabbar sein.
Und schließlich unterschätzen viele die Rolle der Umgebung. Wenn sich in den Systemen um einen herum nichts ändert – Arbeitsdruck, soziale Muster, tägliche Auslöser – dann verblasst häufig die Willenskraft. Kontext, Alternativen und realistische Schritte zu planen, ist wichtiger als Perfektion.
Welche einfachen Einstiegspunkte können zu Jahresbeginn helfen, gesunde, ganzheitliche Veränderung realistischer und nachhaltiger zu machen?
Es gibt ein paar einfache Ansatzpunkte, die Momentum erzeugen können. Einer ist regelmäßige Bewegung, weil sie die Stimmung stabilisiert und hilft, Stress zu regulieren. Schon ein täglicher kurzer Spaziergang kann etwas verändern.
Ein weiterer Punkt ist ein stabilerer Blutzucker. Statt den Fokus nur auf Gewicht zu legen, kann es hilfreich sein, auf stabilere Glukosewerte zu achten. Denn wenn der Blutzucker gleichmäßiger ist, sind oft auch Stimmung und Konzentration ruhiger. Manche finden Tools wie kontinuierliche Glukosemessung hilfreich, um Bewusstsein zu schaffen.
Ein dritter Ansatz ist Journaling. Zum Beispiel die Höhen und Tiefen des Tages notieren oder eine kurze Dankbarkeitspraxis. Das stärkt Selbstbeobachtung, die über Zeit bewusstere Entscheidungen unterstützt.
Für Leserinnen und Leser, die Psychotherapie skeptisch gegenüberstehen: Was ist die eine Sache, die Sie ihnen mitgeben möchten?
Psychologische Unterstützung dient nicht nur dazu, eine Diagnose zu behandeln. Sie ist auch Prävention und hilft zu verstehen, welche Faktoren Gesundheit und Verhalten antreiben.
Wenn man emotionale Gesundheit, soziale Gesundheit und ein Sinngefühl ausklammert, kann es zwar kurzfristige Verbesserungen geben, allerdings ist es schwer, Ergebnisse nachhaltig zu machen. Eine angespannte Beziehung, ein geringes Selbstwertgefühl oder chronischer Stress können starke Auslöser sein, die Menschen wieder in alte Bewältigungsstrategien ziehen. Wenn diese Auslöser nicht bearbeitet werden, wird Veränderung deutlich schwieriger.

Psychotherapie in der Klinik bedeutet deshalb, Menschen zu helfen, das ganze Bild zu sehen und realistische Hebel für Veränderung zu finden, damit gesundheitliche Verbesserungen tatsächlich Bestand haben.
Das könnte Sie auch interessieren:






