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Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa „Fasten ist ein Vergnügen“

Rede von Mario Vargas Llosa am Metromeeting in Madrid, der Kliniken Buchinger Marbella und Buchinger am Bodensee.

Liebe Freunde,

Zweimal in meinem Leben hat man mir vorgeschlagen, Werbung zu machen, und beide Male habe ich mich geweigert, denn ich weiss, ich hätte es nicht gut gemacht. Nur in einem einzigen Fall in meinem Leben habe ich Werbung gemacht, und zwar spontan, ohne dass man mich darum gebeten hätte, und das war für die Klinik Buchinger Wilhelmi. Und ich habe es aus Dankbarkeit für eine Einrichtung getan, der wir, meine Frau Patricia und ich, viel schulden. Wie Sie wissen, bin ich ein Geschichtenerzähler; so werde ich also das, was ich sagen möchte, sagen, indem ich Ihnen eine Geschichte erzähle.

Wir gehen seit über zwanzig Jahren jedes Jahr in die Fastenklinik, und angefangen hat es mit der Anregung einer sehr lieben Freundin, die ausserdem meine Literaturagentin ist, Carmen Balcells. Sie berichtete uns viel, und mit viel Begeisterung, von den Fastenkuren, die sie in der Klinik machte. Und eines Tages schliesslich hat sie uns dazu ermuntert, sie zu begleiten. Ich muss gestehen, dass ich nur eine vage Vorstellung davon hatte, was Fasten bedeutet, als wir mit ihr gingen. Ich wusste, dass das Fasten in praktisch allen Kulturen, insbesondere allen Religionen, geübt wurde, und dass es sich dabei um ein Opfer handelte, das praktisch am Anfang der Zivilisation stand. So kam es, dass ich Fasten vor allem mit einem Anliegen, mit einer Art religiöser Berufung verband. Ich bin mir sicher, dass ich mich ziemlich skeptisch in die Klinik begab, und dass ich dachte, es würde mir schwer fallen, mit dem Essen aufzuhören.
Wir blieben zwei Wochen, und die Erfahrung war ausserordentlich. Die Erfahrung übertraf alles, was ich von unserer Freundin Carmen Balcells gehört hatte.

Natürlich verloren wir beide ein paar Kilo, was sehr gut war, aber jedes Mal, wenn ich Werbung für die Klinik gemacht habe, beeile ich mich, sofort zu sagen, dass es zwar stimmt, dass man dank des Fastens ein paar Kilo verliert, aber dass dies wahrscheinlich der unwesentlichste Aspekt der Kur sei. Der Kiloverlust ist nur eine Folge einer erheblich weiterreichenden und vielfältigeren Wirkung, was alle wissen, die diese Erfahrung teilen. Der Grund für die Gewichtsabnahme ist sehr einfach. José Manuel hat es erklärt, der Präsident des Unternehmens hat es erklärt, und ich als Laie kann es mit ein paar ganz unwissenschaftlichen Worten erklären: Wenn wir dem Organismus nichts zu essen geben, dann ernährt sich der Organismus von dem, wovon er zuviel hat; er verbrennt es, er scheidet es aus, und natürlich nimmt man so ab.

Aber das Fasten hat in vielen Aspekten des menschlichen Lebens ausserordentliche Wirkungen. Vielleicht ist die wichtigste die Entdeckung des eigenen Körpers. Für mich war dies, seit jener ersten Kur, die nun schon mehr als zwanzig Jahre zurückliegt, eine wahrhaftige Enthüllung. Wir, und ich denke, die weitaus meisten Menschen, versinken in einer sehr intensiven, sehr hektischen Routine. Wir sind voll innerer Unruhe, voller Sorgen und Ängste, und all dies reisst uns von uns selbst los, entfremdet und verwirrt uns, und es bleibt uns kaum Zeit, an etwas überaus Wichtiges zu denken, nämlich an unseren Körper. Was mich betrifft, so habe ich seit jener ersten Kur dort in Marbella entdeckt, dass ich einen Körper hatte, und dass dieser Körper sehr wichtig war, und dass ich diesen Körper kennen und kennenlernen musste, und dass er ausserdem rücksichtsvoll behandelt werden musste, denn von diesem Körper hing nichts Geringeres ab als das tägliche Glück oder Unglück. Ich glaube, das ist eine der grossen Lehren, die alle Patientes der Klinik Buchinger Wilhelmi empfangen.

Jedes Mal wenn ich in die Klinik gehe, bin ich zutiefst müde, denn hinter mir liegt eine sehr intensive Zeitspanne voller Reisen, voll von Arbeit und im Zeichen der berühmten Krankheit des 21. Jahrhunderts, des Stresses. Und dann geschieht etwas im Bereich der Psyche, von dem ich sicher bin, dass viele unter Ihnen es auch erlebt haben: Kaum habe ich die Schwelle der Klinik überschritten, umfängt mich Gelassenheit. Die Empfindung, dass die Zeit aufgehört hat, jene nervraubende, donnernde Lokomotive zu sein, und statt dessen begonnen hat, sich viel menschlicher, entspannter, angenehmer fortzubewegen. Und es ist, als ob der Organismus auf der Stelle, und noch bevor er mit dem Fasten selbst begonnen hat, eine tiefe Ruhe in sich aufnehme, die es uns viel leichter macht, zu entdecken, was wichtig im Leben ist und was unwichtig, was wesentlich ist und was Beiwerk. Ich glaube, dass man in der Klinik während des Fastens auch lernt, zu meditieren, über sich nachzudenken, die Bilanz des eigenen Lebens zu ziehen, und dass diese intensive, aber gleichzeitig einen unermesslichen inneren Frieden verbreitende Routine dabei hilft, zu erkennen, was man falsch oder vergeblich macht, und zu entdecken, was man mehr und besser tun sollte. Ich glaube, dass diese Lektion von bleibender Wirkung auch über die Fastenkur hinaus ist.

Auf der anderen Seite, wie José Manuel schon sagte, ist die Klinik eine kleine Welt für sich. Sie ist eine andere Wirklichkeit als die, der wir durch unsere Arbeit, unseren Wohnsitz, aber vor allem durch unsere Verpflichtungen verhaftet sind. In der Klinik ruht man aus, obwohl die Stunden mit Aktivitäten angefüllt sind. Die Bedeutung der körperlichen Bewegung und des Sports ist ebenfalls eine Lektion, die die Patienten von der ersten Kur an lernen. Wie wichtig ist doch für den Organismus jene tägliche Routine des Wanderns, der Gymnastik, des Schwimmens, der Massagen! Wie wohl fühlt man sich am Abend, wenn man die Routine, die man mit dem Arzt abgesprochen hat, einhält! Und wie gut ruht man dann nach all dem! Wenn man fastet, erlebt man in den Nächten ein Phänomen, von dem ich nicht weiß, ob alle Patienten es erlebt haben und so schätzen wie ich: da es keine Verdauung gibt, ist der Schlaf nicht tief, sondern eher sehr oberflächlich, so sehr, dass man oft den Eindruck hat, man schlafe nicht, man befinde sich im Wachzustand, aber das ist nicht der Fall. Man ruht. Und man ruht mit einer Art von Wachheit, die es einem erlaubt, Abstand zu nehmen von jenen Bildern, die der Verstand herstellt oder die dem Verstand eingegeben werden, und die von außerordentlichem, sowohl ästhetischem als auch spirituellem Reichtum sind. Vom ersten Mal an erinnerte ich mich an einen Text des Gründers des Surrealismus, des großen Dichters André Breton, in dem es hieß: “Der ideale Zustand zur Herstellung der besten Dichtung ist jener, in dem man schläft und doch nicht schläft, in dem man wach ist und doch schläft.” Und das alles, was einfach ein Wortspiel zu sein schien, geschieht in den Nächten, wenn man fastet. Man geht ein in einen Zustand, den Angehörige religiöser Gemeinschaften vielleicht als “Trance” bezeichnen würden, als “mystische Trance”, und Laien als “extrem klares Bewusstsein und hohe geistige Kreativität”. Ich glaube, dass man etwas von sich selbst erfährt, was seinen Ursprung tief unten hat, in jenen Bildern des halben Wachzustandes, zu der die Nacht des fastenden Menschen wird.

In der Klinik, und ich bin sicher, dass es Ihnen ebenso gegangen ist, habe ich innige Freundschaften geschlossen. Zu den Menschen, mit denen ich am meisten zusammen bin und die ich am meisten liebe, gehören Menschen, die ich in der Klinik Buchinger Wilhelmi kennengelernt habe und mit denen ich jene wunderbare Erfahrung teile, die uns die Klinik ermöglicht: der Entspannung, der Reinigung und des Friedens.

Deshalb kehren wir jedes Jahr wieder. Ich glaube, es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass wir beim Verlassen der Klinik immer verjüngt sind, schlanker, optimistischer und mit viel Dynamik, um uns der Erfahrung der Rückkehr zu stellen: zum Jahrhundert, zur Welt, zum täglichen Leben, das voller Sorgen und Versuchungen ist und in dem wir alle, ohne Ausnahme, Augenblicke der Mutlosigkeit und zuweilen der Enttäuschung, ja der Verzweiflung erleben. Mir hilft es, und ich bin sicher, vielen von Ihnen hilft es auch, wenn Sie in Ihrem täglichen Leben durch schwere Zeiten gehen, zu denken, dass es dort in Marbella ein Haus gibt, in das wir früher oder später einkehren können und wo wir den Optimismus wieder zurückgewinnen, den Frieden, jenen wunderbaren inneren Frieden, der so schwer zu erreichen ist im täglichen Leben von Leuten, die, wie wir, arbeiten und Verpflichtungen haben und häufig Dinge tun müssen, die wir nicht tun möchten und die uns keine Zeit lassen für die Dinge, die wir gerne tun. Deshalb sage ich, dass diese Klinik mein Leben verändert hat, dass sie mein Leben ausserordentlich bereichert hat und dass sie ein ausserordentlicher Schutz gegen die Mutlosigkeit gewesen ist, gegen all jene Fehltritte, mit denen wir uns wohl oder übel auf unserem Weg auseinandersetzen müssen.

Und noch etwas hat mir die Klinik beigebracht, und ich weiss nicht, ob ich es sagen soll und ob es unklug ist, wenn ich es sage! Es geht darum, wie wichtig und wie wohlschmeckend das Essen ist, und um das immense Vergnügen, zu essen. Essen ist für Menschen, die nicht gefastet haben oftmals: sich verschlucken. Es bedeutet, etwas zu tun, was man tut, ohne zu wissen, wie köstlich essen sein kann, nachdem man aufgehört hatte zu essen. Ich glaube, dass ich auch nicht übertreibe, wenn ich sage, dass die interessantesten und kreativsten Unterhaltungen in der Klinik um die Erinnerung an die guten Restaurants kreisen, an die köstlichen Speisen, die wir irgendwann Gelegenheit hatten zu geniessen. Ich kenne keinen Ort, an dem anregendere Rezepte ausgetauscht und nützlichere gastronomische Ratschläge erteilt würden. Ich denke, die Klinik lehrt uns, wie gut es ist, zu essen, und wie wichtig, das Essen in einen schöpferischen Vorgang zu verwandeln, in ein wahres Kunstwerk. Die Klinik und das Fasten lehren uns, wie wichtig, köstlich und gut es ist, zu essen, wenn man weiss, wie: mit Intelligenz, mit Besonnenheit und mit dem Anspruch, diesen Vorgang zu einem Vergnügen zu machen. Und damit komme ich zum Schluss, mit diesem wunderbaren Wort “Vergnügen”. Niemand würde es glauben, der es noch nie erlebt hat, aber wir alle, die wir es in der Klinik Buchinger Wilhelmi erlebt haben, wissen: Fasten ist ein Vergnügen!

Vielen Dank.

 

 

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