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Bestsellerautorin Susanne Fröhlich im Interview mit Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo

In ihrem Ende 2018 veröffentlichten Buch „Fröhlich fasten“ schreibt Spiegel-Bestsellerautorin Susanne Fröhlich über ihre Fastenerfahrung und wie sie durch das Buchinger Fasten ihre Rheumaerkrankung in den Griff bekommen und dadurch an Lebensqualität zurückgewonnen hat.

Im Buch enthalten sind auch Interviews mit den Fastenexperten Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo (Leiterin der Forschungsabteilung der Fastenklinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen am Bodensee) und Prof. Dr. Andreas Michalsen der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

Ein Auszug aus dem Interview:

„Als hätten Sie ein Hybridauto, das mit Benzin funktioniert und plötzlich auf Elektrizität umschaltet“

Interview mit Dr. Françoise Wilhelmi de Toledo, Leiterin der Forschungsabteilung der Fastenklinik Buchinger Wilhelmi

 

Was ist Fasten für Sie?

Fasten ist eine Fähigkeit, die jedes Lebewesen – Mensch, Tier oder Pflanze – auf diesem Planeten besitzt. Ist keine Nahrung mehr vorhanden oder verzichtet man freiwillig darauf, kann man von diesen gespeicherten Reserven leben. Deswegen war es überlebensnotwendig, manchmal sehr viel zu essen, wenn reichlich Nahrung vorhanden war, und diese Reserven dann auch zu speichern.
Die Umschaltung von externer Nahrung auf gespeicherte Nahrung (eben Fett) wird heute „Metabolic Switch“ genannt: Diese Stoffwechselumstellung macht das Fasten möglich. Sie geht einher mit Veränderungen im psychisch-seelischen Bereich und fördert viele therapeutische Wirkungen. Auch das Verhalten wird beeinflusst: Die alltäglichen Muster werden unterbrochen, meistens wird das Benehmen einfühlsamer, friedlicher und solidarischer. Nimmt man gesunde Nahrung nach dem Fasten langsam wieder zu sich, entstehen wichtige Regenerations- und Verjüngungsprozesse durch die Aktivierung von Stammzellen.

Beim Buchinger Fasten bekommt man ein wenig Suppe und Saft, auch ein bisschen Honig. Warum?

Damit keiner vor den Kopf gestoßen wird, sorgen wir für sanfte Übergänge: Wir reduzieren die Kalorienmenge sukzessiv, ergänzen das Fasten mit Suppen, Säften und ein wenig Honig, etwa 200 bis 250 Kalorien pro Tag. Diese Zusätze dämpfen die Umstellungssymptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit. Außerdem bremsen sie den Eiweißabbau, und modulieren die Ketogenese (die Bildung von Ketonkörpern im Fastenstoffwechsel geschieht, wenn Glukose nicht mehr aufgenommen wird; das Fett aus unseren Depots wird mobilisiert und ein Teil davon wandelt sich in Ketonkörper mit dem barbarischen Namen: Beta Hydroxibuttersäure, Azeton und Acetoacetat).
In unseren Kliniken ist Fasten der freiwillige periodische Verzicht auf Nahrung und wird als belebendes Erlebnis wahrgenommen. Wir wollen, dass das Fasten genossen wird. Selbst wenn es für viele Leute sehr merkwürdig klingt, dass Fasten ein Genuss sein kann.

Aber die Ketogenese möchte man ja nicht ausbremsen, die will man ja haben, oder?

Die entsteht natürlich, allerdings muss sie nicht direkt von null auf hundert gehen, denn das verursacht die sogenannte „ketogene Krise“, wie russische Ärzte sie genannt haben. Eine solche Krise entsteht eher durch eine Nulldiät, also durch Fasten, bei dem nur Wasser aufgenommen wird. Das möchten wir vermeiden. Eine gewaltsame Stoffwechselumschaltung ist für viele Menschen nicht leicht zu verkraften. Es ist besser, den Fastenmodus langsam einzuschalten und es harmonisch erleben zu dürfen. Das periodische Fasten (das Fasten von 3 bis 20 Tagen oder mehr) sollte meiner Meinung nach regelmäßig wiederholt werden, einmal pro Jahr. Dazu muss man sich eine gute, traditionsreiche Methode aneignen. Aber erstmal sollte man eine gute Erfahrung machen und dann kann jeder für sich selbst entscheiden.

Was macht Fasten mit dem Körper?

Es ist, als ob der Körper mit einem völlig neuen Programm betrieben wird. Die Zellen aktivieren gewisse Gene und deaktivieren andere. So, als hätten Sie ein Hybridauto, das mit Benzin funktioniert und plötzlich auf Elektrizität umschaltet. Das Erste, was passiert, ist, dass der Blutzucker sinkt und infolgedessen die Insulinproduktion gedrosselt wird. Das Glucagon im Hormonspiegel steigt an und dann geht der Fastenprozess los: die Fettmobilisation, der Fettabbau, die Ruhigstellung des Magen-Darm-Traktes sowie die Aktivierung der Zellreinigung und der Zellmüllabfuhr. Der Fettstoffwechsel wird eingeschaltet, das bedeutet, die Zellen werden während des Fastens weiter mit Nährstoffen versorgt. Und die Fettzellen sind schön voll, weil in der Zeit, in der es Essen gab, die Reserven angelegt wurden – und die stehen jetzt zur Verfügung. Fett ist vorverdaute Nahrung, sie gelangt ins Blut und von dort aus in die Leber; ein Teil wird in Ketonkörper umgewandelt – als „Superfuel“ besonders für das Gehirn – und es geht weiter. Die Zellen werden weiterhin genährt, nur anders. Aus anderen Quellen. Für sie ist es eine Entlastung, keine Belastung.

Man hört manchmal, dass der Körper beim Fasten gestresst würde und in eine Art Panik gerät?

Ich denke eher, dass die Leute, die das behaupten, panische Angst vor dem Fasten haben. Sie verwechseln zu oft Fasten und Hungern. Ihnen ist nicht bewusst, dass jedes Lebewesen für periodisches Fasten ausgestattet ist, allein schon wegen der Jahreszeiten. Der Körper ist nicht in Panik, er reagiert auf ein Signal, sich umzustellen. Es ist genau so, als würde der Gong am Ende des Unterrichts ertönen und ich weiß: Jetzt hab ich frei! Ist das Panik? Nein, aber man muss darauf reagieren und bereit für die Umstellung sein. Der Körper schüttet dafür bestimmte Hormone aus: ein wenig Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol. Das ist aber nützlicher Stress. Der steigt auch nur am Anfang, danach breitet sich eher innere Ruhe und Heiterkeit aus – zumindest wenn die Fastenbegleitung und -umgebung stimmt.
Im Fasten sind die Zellen in einem geschützten Zustand und statt zu wachsen und sich zu vermehren, wie sie es machen, wenn sie viel tierisches Protein und Zucker bekommen, schalten sie in den Reparaturmodus. Sie eliminieren veraltete oder geschädigte Zellbestandteile bzw. ganze Zellen werden „autophagiert“, also selbst verdaut. Einen Vergleich erwähne ich in meinem Buch „Buchinger Heilfasten – Die Originalmethode“ (Neue Auflage im Dezember 2019): Nehmen wir an, Sie gehen häufig zum Markt und kaufen ein. Dann haben Sie irgendwann so viele Vorräte im Haus, dass Sie ein paar Tage nur von denen leben können. Genau solche Vorräte hat auch der Körper, nur liegen sie nicht im Kühlschrank oder im Regal, sondern sind in Fett umgewandelt im Körper vorhanden.

Immer wieder wird behauptet, beim Fasten verliere man zum Großteil Muskulatur?

Das ist meiner Meinung nach ein Mythos, der von den Industrien, die Proteindiäten vertreiben, in die Welt gesetzt wurde und immer weiter aufrechterhalten wird. Zwar wird Eiweiß im Fasten geringfügig verbraucht, die Hauptbrennstoffe sind aber Fett und Keton. Ein bisschen Protein wird mobilisiert, um in Glukose umgewandelt zu werden – das Gehirn stellt sich langsamer auf die Fett- und Ketonverbrennung um als die meisten Körperzellen. Fett kann sich nämlich nicht in Glukose umwandeln und die Proteine sind begrenzt. Diese Mobilisation von Protein wird fälschlicherweise mit einem „Muskelschwund“ gleichgesetzt. Das ist nie wissenschaftliche belegt worden! Im Gegenteil: wir haben dies bei 15 Männern, die 10 Tage gefastet haben, widerlegt. Bei den meisten Fastenden steigert sich die Leistungsfähigkeit der Muskulatur.

Die Muskulatur ist außerdem nicht die einzige Eiweißquelle im Körper. Woher kommt das Eiweiß dann? Ein Teil kommt zum Beispiel aus Zellen und Zellmüll, hypertrophierten Eiweißstrukturen wie interzellulären Substanzen oder aus der Leber. Die Darmwände bilden sich etwas zurück. Dieses abgebaute Eiweiß kann zum Teil rekuperiert werden, rezykliert – Neudeutsch: recycelt.
Vor der Erfindung von Technologien, die die Nahrungskonservierung erlaubten, gab es für Mensch und Tier regelmäßig Zeiten, in denen sie nichts oder nur sehr wenig zu essen hatten. Insofern gibt es ein perfekt angepasstes System: „Der Mensch ist besser für das Fasten als für den Überflussausgerichtet“. Allerdings kann Fasten bei bereits abgemagerten, älteren Personen ein Problem verschlechtern, die sogenannte Sarkopenie, die Muskelfaserarmut. Ansonsten sind Muskelzellen wie Fettzellen. Sie können sich leeren und füllen. Wenn sie während des Fastens etwas Muskeleiweiß abgeben, füllen sich die Muskelzellen hinterher wieder auf, sobald sie Aminosäuren aus der Nahrung bekommen.

Wir haben Ende 2016 gemeinsam mit dem nationalen wissenschaftlichen Forschungsinstitut in Straßburg eine Studie zu diesem Thema durchgeführt und schreiben gerade an der Publikation. Sie zeigt eindeutig, dass sich drei Monate nach dem Fasten die Leistungsfähigkeit der Muskulatur bei Menschen, die gesund waren, erhöht hat. Der Mythos des Muskelabbaus ist ein Fehlschluss, der verbreitet wird und – so hoffe ich – bald entlarvt werden kann.

Wer kommt in Ihre Klinik zum Fasten? Was sind das für Menschen?

Das ist zunächst ein sehr internationales Publikum aus allen Ländern, Kulturkreisen und in allen Altersstufen. Zum großen Teil gebildete Menschen – Personen, die wissen, dass sie reagieren müssen, wenn sie merken: Jetzt entgleise ich mit meinem Gewicht, meinem Essverhalten oder überhaupt mit meinem Lebensstil. Die Mehrheit hat einen BMI zwischen 25 und 30. Natürlich gibt es auch sehr übergewichtige Patienten, die zu uns kommen, aber es sind nicht mehr als fünf bis zehn Prozent. Unsere Kliniken haben mehr als 70 Jahre klinische Erfahrung und das wissen Gäste und Patienten zu schätzen.

Der Impuls des Gründers Dr. Otto Buchinger ist hier noch zu spüren: Als Sie fragten, was ist Fasten, da habe ich zunächst eher Stoffwechselvorgänge beschrieben. Aber im Grunde hat das Fasten drei Dimensionen: die körperlich-medizinische, die gemeinschaftliche und die spirituelle. Otto Buchinger war ein sehr spiritueller Mensch, eher mystisch, denn er stand über den Dogmen. Er war bekennender Christ, lebte nach echten Werten und hatte dabei viel Humor und Selbstironie. Er hat die „Diätetik der Seele“ geprägt, die Hygiene des inneren Menschen. Er sah das Fasten als Zeitraum, in dem die Seele merkt, welche ihrer Bedürfnisse unerfüllt sind. Wo sie durstet oder nach seelischer Nahrung hungert. Liebe, Zuwendung, Anerkennung, Freude und Freunde. All das spürt man im Alltag weniger, denn man kann sich leicht ablenken.

Das Essen selbst ist eine große Freude. Wenn man das jemandem nimmt, muss man den Genuss auf anderer Ebene zugänglich machen. Seelische Genüsse, die im Alltag sehr oft fehlen, weil man denkt, dafür hat man keine Zeit: um zu malen, zu lesen, Musik zu hören, Tagebuch zu schreiben und um sich zu fragen, wie fühle ich mich überhaupt. Oder um sechs Uhr aufzustehen, um in die Natur zu gehen und die Energie des Morgens zu genießen. Für dieses Feingefühl, auch für die kleinen Sachen wie eine Blume, ein Insekt, das Singen der Vögel am Morgen, ist man in einem vollgepackten Alltag weniger offen. Erlaubt man sich in diese andere Welt reinzurutschen und kämpft nicht dagegen an, ist das eine sehr erfüllende Erfahrung.

Im Fasten kann man auch eine Bilanz seines Lebens ziehen, spüren, wie es weitergehen soll. Was mache ich richtig? Wo entwickle ich meine Potenziale? Wo bleibe ich in toxischen Routinen stecken, weil ich Angst habe, aus meiner Komfortzone auszusteigen? Fasten ist einfach eine Zeit für Besinnung und Inspiration.

Otto Buchinger war Internist, ein guter Beobachter und ein inspirierender Pädagoge. Das traditionsreiche Buchinger Wilhelmi-Programm pflegt die Wissensvermittlung. Wie führe ich einen Menschen, damit das Erlebnis Fasten für ihn so schön wie möglich ist, die Aggressivität zurückgeht und die Sensibilität, die Intuition wächst. Fasten ist ein wahres Friedensinstrument. Große Gewaltlosigkeitsverfechter wie Gandhi haben das Fasten benutzt, nicht als Hungerstreik, sondern als Ort der spirituellen Regeneration. Gandhi hat gesagt: „Was die Augen für die äußere Welt sind, ist das Fasten für die innere Welt.“ Wenn er gefastet hat, hat er sich in die innere Welt zurückgezogen und Kräfte getankt.

Wir sind die Erben von diesen drei Dimensionen. Auch wenn in den Kliniken die körperlich-medizinische Dimension stark entwickelt wurde, merken Sie sicherlich einen besonderen Spirit. Die Ruhe hier, die Rituale und die Struktur. Hier wird betreut, behandelt, berührt. Viele wachen, damit es den Menschen gut geht. Körperlich und seelisch.

Erschienen im GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH (auch als Hörbuch erhältlich)

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