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Mikrobiomforschung

MIKROBIOMFORSCHUNG

Darmgesundheit jenseits von Bakterien: Ein neues Kapitel der Mikrobiomforschung

In einer neuen wissenschaftlichen Studie werfen wir einen Blick auf das verborgene Ökosystem im Darm und darauf, warum Viren eine größere Rolle für die gesundheitlichen Effekte des Fastens spielen könnten als bisher angenommen. Der Artikel stellt neue Forschungserkenntnisse von Buchinger Wilhelmi vor und erklärt dabei, wie Fasten sowie Lebensstilentscheidungen das Darmmilieu neu ordnen können.

Warum Darmviren die nächste Grenze der Gesundheitsforschung sein könnten

Die Darmgesundheit steht heute stärker im Fokus als je zuvor und das aus gutem Grund. In den letzten Jahren hat die Forschung immer wieder gezeigt, dass Struktur und Funktion des Darms weit mehr beeinflussen als die Verdauung. Von der Immunregulation über die Stimmung und Gehirnfunktion bis hin zur Blutzuckerkontrolle spielt der Darm eine zentrale Rolle für Gesundheit und Krankheitsrisiken.

Ein Großteil dieser Forschung konzentrierte sich bisher auf das Darmmikrobiom. Dabei handelt es sich um die Gemeinschaft von Mikroorganismen, die vor allem im Dickdarm lebt. Diese Mikroben existieren nicht einfach neben uns, sie stehen in ständigem Austausch mit unserem Körper. Wenn Darmbakterien Ballaststoffe fermentieren, entstehen vielfältige Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren und Vitamine. Diese gelangen in den Blutkreislauf und können Entzündungen, Stoffwechselprozesse sowie sogar Gehirnfunktionen beeinflussen.

Nicht alle Bakterien wirken jedoch förderlich. Bestimmte Arten können entzündungsfördernde Substanzen bilden oder die Darmbarriere belasten, wenn sie zu dominant werden. Darmgesundheit bedeutet deshalb weniger, Mikroben zu eliminieren, sondern vielmehr ein ausgewogenes, widerstandsfähiges Ökosystem zu unterstützen, in dem nützliche Arten gedeihen und potenziell ungünstige in Schach gehalten werden.

Mehr als Bakterien: Die häufig übersehene Welt der Darmviren

So wichtig Bakterien für die Mikrobiomforschung sind, sie stellen nicht die einzigen Bewohner des Darms dar. Zum intestinalen Ökosystem gehören darüber hinaus Pilze, Archaeen und Viren. Gerade Viren sind bislang einer der am wenigsten erforschten Bestandteile, obwohl sie in erstaunlich hoher Zahl vorkommen.

Wenn Menschen das Wort Virus hören, denken die meisten an Infektionskrankheiten wie Grippe oder Covid 19. Tatsächlich ist der größte Teil der Viren, denen wir begegnen, jedoch harmlos oder spielt eine neutrale, teils sogar nützliche Rolle. Menschen sind seit Geburt an Viren ausgesetzt. Ohne sie wäre komplexes Leben, wie wir es kennen, nicht möglich.
Im Darm handelt es sich bei den meisten Viren um Bakteriophagen. Das sind Viren, die Bakterien infizieren und nicht menschliche Zellen. Diese Phagen können beeinflussen, welche Bakterien wachsen, wie sie sich verhalten und wie sie miteinander interagieren.

Diese virale Komponente des Mikrobioms wird als Darmvirom bezeichnet. Zu verstehen, wie es sich verhält und wie es auf Ernährung und Lebensstil reagiert, könnte erklären, warum manche Mikrobiome widerstandsfähiger und anpassungsfähiger sind als andere.

Fasten und Darmvirom: Neue Einblicke aus der aktuellen Forschung

Bis vor Kurzem war nur wenig darüber bekannt, wie Fasten das Darmvirom beeinflusst. Eine neue Studie bei Buchinger Wilhelmi hat begonnen, diese Frage genauer zu untersuchen. Dabei wurden virale Veränderungen vor, während und nach dem Buchinger Fasten analysiert.

Während der Dreharbeiten zu einer französischen Fernsehdokumentation besuchte das Supermodel Adriana Karembeu für einen Fastenaufenthalt unsere Klinik in Überlingen. Im Zuge ihres Aufenthalts nutzte unser wissenschaftliches Team hochmoderne Methoden, um ihr Darmmikrobiom zu analysieren. Dabei handelt es sich um Verfahren, die außerhalb spezialisierter Forschungsgruppen bisher nur selten verfügbar sind. Auf Initiative unseres wissenschaftlichen Direktors Dr. Robin Mesnage wurde auch die virale Komponente einbezogen. Obwohl es sich nur um einen Einzelfall handelte, waren die beobachteten Veränderungen auffällig. Sie deuteten darauf hin, dass das Fasten einen relevanten Einfluss auf Darmviren haben könnte und gaben den Impuls dazu, diese Frage systematischer zu erforschen.

Dr. Franziska Grundler

Mit präzisen Sequenzierungsmethoden arbeitete unser Team gemeinsam mit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des EMBL, Europas zentralem Forschungszentrum für Lebenswissenschaften, daran, das Verhalten von Viren zu untersuchen. Analysiert wurde die Situation vor dem Fasten, am Ende eines zehntägigen Fastens sowie erneut nach einem und nach drei Monaten. Die Auswertung wurde von Natalie Falshaw geleitet. Die Ergebnisse zeigen, dass das Fasten die Darmviren vorübergehend neu organisiert. Die Vielfalt der Darmviren nahm kurzfristig ab, während bestimmte wichtige Beziehungen zwischen Viren und nützlichen Bakterien deutlicher hervortraten. Statt Muster zu zeigen, die typischerweise mit Darmentzündungen oder Erkrankungen assoziiert sind, wirkten diese Veränderungen eher wie ein Zeichen für ein koordinierteres und stabileres mikrobielles System.

Kurz gesagt, schien Fasten das Darmökosystem dazu anzuregen, sich neu zu ordnen, ähnlich wie ein natürlicher Reset. Einige dieser Veränderungen waren noch mehrere Monate nach dem Fasten sichtbar und standen in Zusammenhang mit Verbesserungen von Markern, die Blutzuckerregulation und körperliche Widerstandskraft betreffen.

Die Ergebnisse sind bereits als Preprint verfügbar. Das bedeutet, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht im Rahmen eines Peer-Review-Verfahrens von unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern abschließend geprüft wurden. Wir verfolgen die weitere Entwicklung dieser Forschung aufmerksam.

Insgesamt stärkt diese Arbeit die Sichtweise, dass der Darm ein vernetztes, lebendiges System ist. Darmgesundheit bedeutet deshalb weniger, einen einzelnen Keim zu „bekämpfen“ oder auf ein bestimmtes Supplement zu setzen, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sich das Gesamtsystem stabilisieren und gut regulieren kann.

So unterstützen Sie Ihr Darmökosystem im neuen Jahr

Auch wenn die Forschung zu Darmviren kontinuierlich wächst, gibt es bereits heute eine starke Evidenz für Gewohnheiten im Alltagsleben, die ein vielfältiges und robustes Darmmikrobiom unterstützen:

🍛 Vielfalt auf dem Teller

Eine breite Auswahl pflanzlicher Lebensmittel liefert unterschiedliche Ballaststoffe, die nützliche Darmbakterien ernähren. Als praktischer Richtwert gilt, über die Woche hinweg rund 30 verschiedene Pflanzenfoods einzubauen, etwa Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Vollkornprodukte. Dabei ist Vielfalt wichtiger als Perfektion.

 


🌾 Ballaststoffe bewusst erhöhen

Lösliche Ballaststoffe aus Obst, Gemüse, Hafer und Hülsenfrüchten werden von Darmbakterien zu kurzkettigen Fettsäuren fermentiert, die Immunsystem und Blutzuckerkontrolle unterstützen. Unlösliche Ballaststoffe aus Vollkorn sowie Nüssen fördern die Darmbewegung und das Sättigungsgefühl. Wenn Sie empfindlich reagieren, steigern Sie die Menge langsam.

 


⚖️ Emotionale Balance pflegen

Darm und Gehirn stehen in ständigem Austausch. Chronischer Stress kann die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Routinen wie Meditation, eine ruhige Essensumgebung sowie achtsame Pausen die mikrobielle Balance und die Immunregulation unterstützen können.

 


🏃🏽‍♀️ Regelmäßig in Bewegung bleiben

Bewegung regt die Verdauung an, unterstützt die Darmmotilität und wirkt auf ein entzündungsärmeres inneres Milieu hin. Schon sanfte, regelmäßige Aktivität wie Gehen oder Radfahren kann die Darmgesundheit positiv beeinflussen.

 


🛌 Schlafrhythmus schützen

Schlafmangel kann die mikrobielle Vielfalt reduzieren. Ein verlässlicher Schlafrhythmus stabilisiert sowohl die Darmbarriere als auch die mikrobielle Widerstandskraft.

 


🌱 Umweltfaktoren im Blick behalten

Pestizide, Rauchen und die langfristige Einnahme bestimmter Medikamente, darunter Protonenpumpenhemmer, können das Darmmikrobiom beeinträchtigen. Ein Fokus auf Bio-Lebensmittel, eine geringere chemische Belastung und ein bewusster Umgang mit Medikamenten können dabei helfen, die mikrobielle Balance zu schützen.

 


🍵 Fasten als Reset verstehen

Intervallfasten und strukturiertes Langzeitfasten können die Erneuerung des Mikrobioms unterstützen, indem sie Essmuster wieder stärker an natürliche Rhythmen anpassen. Fasten ist dabei keine Abkürzung, sondern schafft einen physiologischen Raum, in dem sich mehrere Systeme, einschließlich des Darmökosystems, neu ausrichten können.

Ausblick

Das Darmmikrobiom ist ein dynamisches, anpassungsfähiges Ökosystem, geprägt von Ernährung, Lebensstil und Umwelt. Wenn die Forschung zum Darmvirom weiter voranschreitet, könnte sie besser erklären, warum bestimmte Interventionen, darunter Fasten, so weitreichende und anhaltende Effekte auf die Gesundheit haben.

Indem wir dieses unsichtbare Ökosystem im Alltag pflegen, unterstützen wir nicht nur die Verdauung, sondern auch die Grundlagen langfristiger metabolischer, immunologischer und psychischer Gesundheit.

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